Interview mit P. Nikolaus Poch

KJÖ: In welcher Pfarre bist du tätig und seit wann?

P. Nikolaus: Ich bin Pfarrer der Schottenpfarre. Sie liegt im 1. Wiener Gemeindebezirk. 1994 wurde ich hier Kaplan und seit 1999 bin ich Pfarrer.

KJÖ: Im Zuge der gegenwärtigen Kirchenreformdebatten spielen die Pfarren eine besondere Rolle. Sie befinden sich im Spannungsfeld, Altes zu bewahren und Traditionen zu pflegen. Auf der anderen Seite müssen sie sich den neuen Gegebenheiten anpassen und sich als sehr innovativ und kreativ erweisen. Wie gelingt das in deiner Gemeinde und welche Rolle spielt dabei der Pfarrgemeinderat?

P. Nikolaus: Uns in der Schottenpfarre ist klar, dass das althergebrachte Seelsorgsmodell ausläuft und wir uns etwas Neues einfallen lassen müssen. Wir dürfen nicht darauf warten, wer zu uns in die Gottesdienste kommt. Entscheidend scheint es mir, wie gut es uns gelingt, von uns aus auf Menschen zuzugehen und im persönlichen Kontakt mit ihnen gemeinsam Kirche „im Herzen der Stadt“ zu gestalten. Der Pfarrgemeinderat ist dabei das Gremium, in dem besprochen wird, was wir tun und welche neue Ideen kreiert werden.

KJÖ: Wer setzt bei euch die Impulse, wer bringt neue Ideen ein?

P. Nikolaus: Grundsätzlich machen wir das gemeinsam. Zwar hat jeder formal seine speziellen Aufgaben – aber uns ist besonders wichtig, dass niemand im PGR bloß Vertreter seiner eigenen Gruppe oder Generation ist, sondern dass jeder auch an die anderen in der Gemeinde denkt und deren Bedürfnisse miteinbezieht. Anlässe aus denen etwas Neues entstanden ist, war zB die Missionswoche oder die Apostelgeschichte 2010. Eine Grundfrage, die sich bei uns immer stellt ist: Was können wir konkret als Pfarre in der Innenstadt tun? Bei genauerem Hinsehen wurde uns deutlich, wie sehr die caritative Dimension unserer Gemeinde gestärkt werden muss.

KJÖ: Wie kann man sich als Jugendliche/r in der Pfarre engagieren?

P. Nikolaus: Bei uns ist jeder herzlich willkommen! Gerade als Jugendliche/r hat man viele Möglichkeiten am Pfarrleben aktiv teilzunehmen und es mitzugestalten. Das geht vor allem in den Jugendgruppen: bei den Ministranten, den Pfadfindern, den Sternsingern. Auch im Rahmen der Firmvorbereitung sind wir auf die Unterstützung der Jugendlichen angewiesen, die unseren Firmkurs tragen. Große Veranstaltungen, wie etwa der „Schottenadvent“ – ein Weihnachtsmarkt zur Unterstützung unserer Partnerprojekte in Tansania, Südafrika, Brasilien und Bolivien sowie der eigenen Pfarrcaritas - profitieren stark vom jugendlichen Engagement.

KJÖ: Wie sieht das in eurem PGR aus, hat dort ein/e Jugendliche/r einen festen Sitz?

P. Nikolaus: Unser PGR besteht aus sieben gewählten Personen, dazu zwei Kooptierte und die beiden Mitglieder „von Amts wegen“. Einer der Gewählten ist der formale „Jugendvertreter“. Er ist zwar schon etwas älter, bringt aber die Anliegen der Jugendlichen sehr überzeugt zur Sprache. Zudem haben wir eine junge Erwachsene, die mit 16 Jahren in den PGR gewählt wurde. Sie bereichert den PGR ebenfalls um ihre jugendlichen Perspektiven. Wichtig ist uns, dass die beiden Vertreter mit allen Jugendgruppen im Gespräch sind, sie zusammenführen und in der Pfarre präsent halten.

KJÖ: Wie klappt das? Können sich Jugendliche mit ihren Ideen ohne weiteres durchsetzen? Gibt es Reibungspunkte mit dem Alteingesessenen?

P. Nikolaus: In den letzten Jahren hatten wir eigentlich keine jugendspezifischen Auseinandersetzungen im PGR. Das liegt möglicherweise auch daran, dass das „Katholische Jugendzentrum Schotten“ nicht der Pfarre untersteht. Es gehört auch nicht zu unserem Gymnasium, sondern wird direkt vom Schottenstift getragen. Insofern hat hier der PGR keine direkte Zuständigkeit. Ein Thema, das unseren PGR aber doch häufig beschäftigt hat war – neben dem Nachdenken über die Sakramentenpastoral - das einer eigenen Jugendmesse. Auf einem eigenen Klausurwochenende gab es dazu wichtige Überlegungen.

KJÖ: Gibt es ein Projekt, dass besonders gut läuft?

P. Nikolaus: Ebenfalls auf einem Pfarrgemeinderatsklausurwochenende entstand die Idee einer eigenen Caritassprechstunde in der Schottenpfarre. Wie bei allen großartigen Ideen kam schlussendlich die Frage auf, wer die konkrete Umsetzung und Durchführung übernehmen wird. Zu unserer großen Überraschung meldete sich dazu die damals erst 16-jährige Ruth mit ihrem jugendlichem Tatendrang. Wir stellten ihr eine ältere Dame zur Seite, und die beiden ergaben in ihrer gegenseitigen Wertschätzung und mit ihren durchaus unterschiedlichen Lebensperspektiven ein perfektes Team. Die Caritassprechstunde findet alle zwei Wochen statt und wird förmlich überlaufen. Ziel ist es, den Menschen zuzuhören, sie ernst zu nehmen und unseren Ressourcen entsprechend Hilfestellungen zu geben. Dennoch ist uns wichtig, dass die Caritasarbeit nicht nur Hobby einiger weniger, sondern Angelegenheit der ganzen Pfarre ist.

Ein weiteres Projekt, das sehr gut läuft, ist das Sternsingen. Die Jugendlichen organisieren es fast selbstständig und brauchen nur selten eine Hilfestellung vom Pfarrgemeinderat oder von mir.

KJÖ: Wo würdest du dir mehr Unterstützung von den Jugendlichen wünschen?

P. Nikolaus: Ich fürchte, bei uns ist es wie in fast allen anderen Pfarren: Unsere Jugendlichen sind mit großer Begeisterung in der Firmvorbereitung aktiv, nach der Firmung aber verlaufen sie sich fast völlig. Es gelingt uns nicht, sie zu integrieren. Dabei gäbe es äußerst viele Bereiche, in denen sie sich gerne einbringen könnten.

KJÖ: Wie machst du auf die kommenden PGR-Wahlen aufmerksam?

P. Nikolaus: Ich spreche die Leute persönlich an, ob sie sich vorstellen könnten, sich im PGR zu engagieren. Bei der letzten Wahl hat sich eine richtige Eigendynamik entwickelt, es wurde quasi „Wahlkampf“ geführt. Viele haben sich aufgestellt und die Sitze im PGR waren begehrt. Dieses Jahr habe ich ein wenig Sorge, ob wir genügend Kandidatinnen und Kandidaten finden, da die generelle kirchliche Stimmung eine deutlich andere ist. Derzeit gibt es wesentlich mehr Vorbehalte gegenüber der Kirche, gerade auch von Jugendlichen. Ich versuche darauf hinzuweisen, dass es kritische Geister in der Kirche braucht. Man muss nicht zu allen Ja und Amen sagen. Durch persönliches Engagement, gerade auch, indem man sich für ein Amt zur Verfügung stellt, kann man manchmal Dinge in der eigenen Pfarre gestalten, die gesamtkirchlich vermutlich nicht so bald umgesetzt werden.

--> für die KJÖ Stefanie Raida

 

 

 

 
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